Eine typische Darstellung von Joseph Smith

Besuch in Nauvoo

Geschichtsberichte, Lehrmaterialien oder Magazine der Kirche stellen den "Präsidenten, Propheten, Seher und Offenbarer", Joseph Smith, in stets stereotyper Art und Weise dar. Eine musterhafte bildliche Darstellung ist links zu erkennen. Interessant ist die Vorgehensweise von Beschreibungen über Joseph Smith. So findet sich im offiziellen Lehrmaterial des Bildungswesens der Kirche für Studenten und erwachsene Teilnehmer des sog. "Instituts" folgende Beschreibung:

"Josiah Quincy, ein prominenter Bürger aus Neu-England, der später Bürgermeister von Boston wurde, besuchte Joseph Smith zwei Monate vor dessen Tod. Viele Jahre später schrieb er über die Menschen die ihn am meisten beeindruckt hatten. Über Joseph Smith schrieb er: "Es ist keineswegs unwahrscheinlich, daß sich in einem Lehrbuch für noch ungeborene Generationen eine Frage finden wird wie: 'Welcher Amerikaner des neunzehnten Jahrhunderts hat den stärksten Einfluß auf das Schicksal seiner Landsleute gehabt?' Und es ist keineswegs unmöglich, daß die Antwort auf diese Frage heißt: 'Joseph Smith, der Mormonenprophet." (Josiah Quincy, Figures of the Past from the Leaves of Old Journals, Boston, 1883, S. 376, in: Religion 341-343, Die Geschichte der Kirche in der Fülle der Zeiten. Die Geschichte der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, Rev. Ausgabe 1993, o. O., S. 284)

Dasselbe Zitat findet sich im offiziellen Werk "Die Wahrheit Wiederhergestellt. Ein kurzer Abriß der Geschichte der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage." (Frankfurt am Main, rev. Aufl. 1979) Geschrieben vom Präsidenten der Kirche Gordon B. Hinckley mit dem Zusatz:

"Derart waren die Eindrücke, die die Besucher Nauvoos gewannen, wenn sie den bedeutendsten Bürger der Stadt kennenlernten." (ebd., S. 71)

Was beide Werke verschweigen sind andere Eindrücke und Beobachtungen von Josiah Quincy, so schreibt dieser im gleichen Werk:

"Fanatiker, Hochstapler, Scharlatan könnte er gewesen sein, aber diese harten Namen stellen keine Lösung für das Problem dar, welches er uns liefert. ... aber der wunderbare Einfluß, den dieser Gründer einer Religion ausübte und noch immer ausübt, legt ihn uns nicht ... dar als Gauner der angeklagt werden muss, sondern als ein Phänomen, welches erklärt werden sollte." (Quincy, ebd., S. 377)

Quincy berichtet weiter, dass seine Ankunft in Nauvoo offensichtlich "General Smith" zugetragen worden sei,  und "die Kutsche des Propheten" ihn erwartete. Quincy hatte eine Reisebegleitung in Person von Charles Francis Adams. Beide wurden hofiert. Diese Hofierung führte Quincy auf "einen merkwürdigen Fehler" zurück. Die Mormonen verwechselten nach seiner Meinung ihn und seinem Begleiter Adams. Offensichtlich hatte man ihn mit dem ehemaligen Präsidenten der USA, John Quincy Adams, verwechselt. Smith begrüßte ihn in "gestreifter Hose, einer Leinenjacke, die die Waschwanne in letzter Zeit nicht gesehen hatte, und einen Dreitagesbart." (ebd., S. 380f.) Smith sollte nun bemerkenswerte Dinge von sich geben, so erklärte er den beiden Besuchern, dass er durch seinen:

"Freund Gouverneur Ford, eine Charta erhalten hatte. Die Vergangenheit hatte ihm gezeigt, dass eine militärische Organisation notwendig war. Er war nun der Führer von dreitausend Männern, ausgerüstet vom Staate Illinois und ihrer Miliz zugehörig, und die Heiligen wären ebenso bereit zu kämpfen, als auch zu arbeiten. "Ich entschied," sagte Smith, "dass der Kommandeur meiner Truppen ein Generalleutnant sein müsse, und ich wurde natürlich zu dieser Position ausgewählt. Ich sandte mein Zertifikat der Wahl an Gouverneur Ford und erhielt dafür das Patent des Generalleutnants der Nauvoo Legion und der Miliz des Staates Illinois. Wenn ich nun die Verfassung der Vereinigten Staaten überprüfe, dann stelle ich fest, dass ein Offizier nur von einem Kriegsgericht angeklagt werden kann, welches aus Gleichrangigen zusammengesetzt sein muss; und, da ich der einzige Generalleutnant im Lande bin, denke ich, dass sie es ziemlich schwer haben werden, mich anzuklagen." (ebd., S. 384, Herv. v. m.)

Anschließend versuchte Smith dann Quincy mit seiner Beherrschung „aller Sprachen“ zu beeindrucken. Quincy fand es nicht verwunderlich, dass Smith dies nicht mittels der „klassischen Sprache“ (Latein, Griechisch) tat, sondern der hebräischen Sprache. Keiner der mitanwesenden Mormonen verstand Hebräisch, akzeptierten jedoch die „triumphierende Demonstration seiner Fähigkeiten.“ Das Gebot der Gastfreundschaft verbot es Quincy seinen Gastgeber auf die Probe zu stellen. (ebd., S. 385) 

Quincy durfte noch erleben wie Smith ihm „Pergamente“ zeigte (Papyrusrollen), die laut Smith die „Handschrift von Abraham, dem Vater des Gläubigen“ zeigte, weiter das „Autogramm des Moses, und ... Zeilen ... von seinem Bruder Aaron. Die anwesenden Mormonen versicherten Quincy, Smith wäre „der einzige Sterbliche, der diese mysteriösen Schriften übersetzen konnte, und dass seine Kraft von direkter Inspiration gegeben wurde.“ (386f.) Im Lichte der Fakten zeigt sich die völlige Ignoranz der mormonischen Zuhörer von Smith, die dieser offensichtlich nicht korrigiert. Es handelte sich um ägyptische Hieroglyphen, die bereits seit 1822 von anderen „Sterblichen“ übersetzt werden konnten, und seit dem Jahre 1824 wurden Übersetzungen auch veröffentlicht, so z.B. Jean Francois Champollion in seinem „Precis du systeme hieroglyphique des anciens Egyptiens“ (Paris, 1824). In Großbritannien war Thomas Young gleichzeitig mit Übersetzungen und Veröffentlichungen der Hieroglyphen beschäftigt. Bis zum Jahre 1844 konnte jeder willige Leser Grammatiken und Lexika zu den Hieroglyphen einsehen, so z.B. „Grammaire égyptienne“, 3 Bd., Paris, 1836-1841, oder „Dictionnaire égyptien en écriture hieroglyphique“,  4 Bd. , Paris, 1841-1844. Young publizierte die ersten rudimentären Übersetzungsergebnisse bereits 1819 und 1824 in der „Encyclopedia Britannica,“ und in 1830 wurde der erste Band von Youngs „A Compendious Grammar of the Egyptian Language as Contained in the Coptic and Sahidic Dialects; zusammen mit Henry Tattam, in London, publiziert).

 Quincy bemerkt nach solchen Erlebnissen deutlich, dass die Anwesenden „beispiellosen Absurditäten wir diesen Morgen zugehört hatten“ (ebd., S. 388).  Auffällig ist, dass Quincy einige Male beschreibt, wie Mormonen im Gespräch mit Smith sind und diese ihn immer wieder mit „General Smith“ begrüßen bzw. anreden, nicht Bruder, Ältester, Präsident etc. Augenscheinlich ist es, dass Smith dies selbst fördert, erlebt doch Quincy z.B. das Gespräch zwischen einem Methodistischen Geistlichen und Smith selbst. Der Methodist berichtete Smith, er hätte in einer Predigt ihn als „Joe Smith“ erwähnt. Smith fragte nach: „Sagten Sie Joe Smith in einer Predigt?“ Als Antwort erhielt er ein: „Natürlich tat ich es. Warum nicht ?" Die Erwiderung von Smith folgt prompt: „Den Tag und den Ort berücksichtigend, wäre es respektvoller gewesen, Generalleutnant Joseph Smith gesagt zu haben.“ (ebd. S. 393) 

So wird verständlich wenn Robert Flanders in seinem „Nauvoo: Kingdom on the Mississippi“, Urbana, 1965, S. 112f. schreibt: 

„ ‚Oberst’‚ ,Hauptmann’, oder ‚General’ ersetzten ‚Bruder’, ‚Ältester’, oder ‚Präsident’ in den Begrüßungen der Heiligen. Militärisches Drumherum waren für sie besondere Symbole des Status, Prestige und Beruhigung.“ 

Quincy fasst sein Urteil über Smith zusammen, in dem Satz: „Wenn der Leser nicht weiß, was er von Joseph Smith halten soll, so kann ich ihm nicht aus dieser Schwierigkeit helfen. Ich bin vor dem Rätsel (engl. puzzle) selbst hilflos." (ebd., S. 400). Wer übrigens das „Rätsel“ Joseph Smith weiter entflechten möchte, dem sei beispielhaft drei Werke empfohlen: 

Generalleutnant Joseph Smith mustert die Nauvoo Legion. Gemälde von C.C.ChristensenDie Nauvoo Legion

Wir erinnern uns, dass Smith Quincy berichtete, die Nauvoo Legion würde 3.000 Mann umfassen. Manche Quellen reden von bis zu 5.000 Mann, so schreibt "Kirchengeschichte. Auszüge aus der Encyclopedia of Mormonism," (Hrsg. Daniel H. Ludlow, Bad Reichenhall, 1997, S. 330), von "5.000  Mann" zu ihrer "Glanzzeit." Die Legion umfasste z.B. laut Unterlagen zwei „Kohorten,“ organisiert wie die alten römischen Legionen. Alle 18- bis 45jährigen mussten ihre Dienst in der Legion leisten. Wer nicht zu den Drills oder Paraden erschien, konnte mit Geldstrafen belangt werden. Alleine die zweite Kohorte wurde  z.B. 1843 mit 1.751 Männern gezählt (siehe z.B. Richard L. Saunders, "Officers and Arms: The 1843 General Return of the Nauvoo Legion’s Second Cohort," BYU Studies, Nr. 35:2 (1995) eingeteilt in einen Generalstab und fünf Regimentern: ein Infanterieregiment, drei „Rifle“-Regimenter (bessere Bewaffnung mit Gewehren statt Musketen) und einem Artillerieregiment (lt. Brigham H. Roberts hatte die Legion bereits im Dezember 1842 mindestens drei Kanonen, History of the Church (hiernach HC), 5:201). Befehligt wurde eine Kohorte von einem „Brigadegeneral“ mit einem Stab von zehn Offizieren. Jedes Regiment wurde von einem Oberst geführt, unterstützt von einem Oberstleutnant, einem Hauptmann und Adjutanten, Quartiermeister etc. Jedes Regiment hatte fünf Hauptmänner (Kompanieführer). Es ist selbstverständlich das so höher ein Kirchenführer in der Hierarchie der Kirche stand, desto höher war natürlich sein militärischer Rang. Die erste Kohorte bestand aus der Kavallerie der Legion.

 Der Rang von Smith war bemerkenswert. Smith, der keinerlei militärische Ausbildung noch Erfahrung hatte, trug den Rang eines „Generalleutnants,“ einen Rang den es in der gesamten USA nicht gab. Smith im Range eines Generalleutnants war damit der ranghöchste Offizier der USA (es sei an sein Gespräch und Begründung seines Ranges gegenüber Nauvoobesucher Josiah Quincy, siehe oben, erinnnert. Diesen Rang hatte bisher lediglich George Washington getragen, der nächste sollte Ulysses Grant werden (siehe z.B. Flanders, ebd., S. 110). Wie sensibel die amerikanische Bevölkerung gegenüber diesem militärischen Rang, und die daran historischen Werte und Erinnerungen, sein sollte, zeigte sich als Thomas Hart Benton im mexikanischen Krieg, den Rang eines Generalleutnants erhalten sollte. Es kam es zu einem Sturm der Entrüstung in der amerikanischen Bevölkerung, die Beförderung wurde ad acta gelegt (siehe William N. Chambers, „Old Bullion Benton; Senator from the New West,“ Boston, 1956, S. 311f.).

Fragt man weiterhin bei der historischen Abteilung der United States Military Academy von West Point nach, so kann man erfahren, dass:

„Auch wenn die Nauvoo Legion ihre Charta vom Staate Illinois erhielt, so wurde sie nicht als Teil der Miliz des Bundesstaates betrachtet ... Joseph Smith Jr. war kein Generalleutnant in der Staatsmiliz, sondern einer kleinen mormonischen Armee ...“  (West Point Archivar Joseph O’Donnell in einem Brief an Ralph Foster, 29.8.1963, in: Joseph Smith and the Hazards of Charismatic Leadership, Gary James Bergera, The John Whitmer Historical Association Journal, Bd. 6, 1986, S. 35).

Uniformrock, Säbel und Pistole von Generalleutnant Joseph SmithGeht man, vorsichtig geschätzt, und der Aussage von Smith selbst glaubend, davon aus, dass die Legion 1844, um die 3.000 Mann unter Waffen hatte, so vergleiche man dies mit der Zahl von 8.453 Soldaten der Unionsarmee der USA! 

So beschreibt Fawn Brodie den späten Joseph Smith recht treffend, wenn sie bemerkt, dass Smith schließlich:

„den Titel ‚General’ dem des ‚Präsidenten’ vorzog und ihn auch vielfach in seiner Korrespondenz benutzte. Seine Uniform war geschickt entworfen: ein blauer Rock mit reichlich Goldtressen, lederfarbenen Hosen, hohen Militärstiefeln und einem schicken Zweispitz mit Straußenfedern. Auf seiner Hüfte trug er ein Schwert und zwei große Kavalleriepistolen. Freude am Pomp und der Pracht der Paraden, ließ er die Legion zu jeder möglichen Gelegenheit antreten, vorneweg reitend auf seinem großartigen, schwarzen Hengst, Charlie.“ (No man knows my history, 2. erw. Ausg., New York, 1985, S. 271)

So würde die Legion, inkl. ihre Blaskapelle, zu den verschiedensten Gelegenheiten durch die Straßen von Nauvoo paradieren, Beobachter konnten zuschauen, während die Legion ihre Manöver und Drills ausführte. Aus Sicht der Mormonen sollte die Legion u. a. zu ihrem Schutz dienen, die Erinnerungen an die konfliktreiche Zeit in Missouri waren noch frisch. Bewirkt haben sie jedoch das genaue Gegenteil: Angst bei den umliegenden Bewohnern vor so viel waffenstarrender Machtvorstellung, mit ein Grund, warum Joseph Smith erschossen werden sollte. Die Mormonen selbst finden natürlich die Todesursache darin, dass eine "Verschwörung von Verrätern und schlechten Menschen" (135:7) Joseph Smith im Gefängnis einsperrte und dieser schließlich "von bewaffneten Gesindel" (135:3) im Gefängnis von Carthage, Bundesstaat Illinois, erschossen wurde.

In Wahrheit lag die Todesursache in einer explosiven Mischung aus durch die Mormonen an den Tag gelegten Militarismus, politischer und finanzieller Kontrolle, einer konspirativen „Weltregierung“ mit Smith als „König“ (Smith wurde in einem geheimen „Rat der Fünfzig“ (der die politische Weltregierung stellen sollte) zum König gesalbt (nicht mit den Tempelwaschungen bzw. Salbungen zu verwechseln), für freie und unabhängige Amerikaner, die ihre Freiheit von der britischen Krone erkämpft hatten, eine schlichte Zumutung und ein Affront. Für genauere Informationen zum Rat der Fünfzig etc. siehe z.B. „Quest for Empire: The Political Kingdom of God and the Council of Fifty in Mormon History”, Klaus J. Hansen, East Lansing, 1967 und D. Michael Quinn, „The Council of Fifty and Its Members,” BYU Studies, Nr. 20:2 (1980), S. 163-97). Auch der versuchte Griff nach der Macht sollte nicht ohne Folgen bleiben, Smith kandidierte für das Amt des Präsidenten der USA, fehlgeschlagene Prophezeiungen und eine chaotische Nachfolgeregelung, vervollständigten das Bild. Schließlich brachten die Übertretung des eigenen Kirchenrechtes, staatlicher Gesetze, das Verleugnen der Polygamie inkl. der damit einhergehenden Einführung der Tempelrituale, die Zerstörung des "Nauvoo Expositor", einer unabhängigen Presse, das Fass endgültig zum Überlaufen. Dass Smith anscheinend gänzlich den Sinn für jegliche Realität verlor, zeigt sich z.B. in seinem Schreiben an den Präsidenten der USA, John Tyler, wo er diesen (und den Senat und das Repräsentantenhaus) im März 1844 ersuchte, 100.000 Mann (!) aufstellen zu können, um Siedlern in Oregon, Texas und anderen Territorien der USA „Schutz zu gewähren.“ (HC 6:281f.)

Eben dieses Szenario hatte ein besuchender Artillerieoffizier der Unionsarmee bereits im Mai 1842 vorhergesehen, ohne Anspruch auf eine prophetische Gabe zu erheben, sondern lediglich den gesunden Menschenverstand, als er nach dem Besuch einer Truppenparade der Nauvoo Legion schrieb:

„Was bedeutet dies alles? Warum diese exakte Disziplin des mormonischen Corps? Wollen sie Missouri, Illinois, Mexiko erobern? ... es gibt keine Truppen in den Staaten, die ihnen in punkto Enthusiasmus und kriegerischen Aspekt  gleichtun, ja kriegsgleichem Charakter. In nicht allzu langer Zeit wird diese Legion zwanzig, und vielleicht fünfzigtausend Mann stark sein ... erfüllt mit religiösen Eifer  ...“ (New York Herald, vom 17. Juni 1842, in: Brodie, ebd., S. 273f.)

Die Rhetorik der mormonischen Führer wirkte zusätzlich wie Öl ins Feuer gießen. So konnten auch Nichtmormonen deutlich das Säbelrasseln vernehmen, wenn sie z.B. von der Kirchenführern Smith, und früher noch John C. Bennett (beide gleichzeitig die Oberkommandierenden der Legion) lesen konnten:

„Das Blut der ermordeten Mormonen schreit laut um Hilfe ... und die moralische Schlacht muss geschlagen werden, und der Sieg errungen werden, der, der mit Feuer antwortet, wird bewirken, dass das Schwert und Feuer ihr Werk tun ... ich schwöre beim Gott Israels, dass das Schwert meinen Oberschenkel nicht verlassen soll, noch Schild meinen Arm verlassen ... bis der hydraköpfige, feurige Drachen erschlagen ist.“ (John C. Bennett, Times & Seasons, vom 15.03.1842, Bd. 3:724) 

oder Joseph Smith in voller Montur am 18. Juni 1844 seine letzte öffentliche Ansprache vor der angetretenen Nauvoo Legion hielt. Die Truppe musste neunzig Minuten ausharren um u. a. von Smith zu hören:

„Steht ihr alle bis in den Tod zu mir, und unterstützt die Gesetze unseres Landes auch unter Gefahr eures Lebens, die Freiheiten und Privilegien die unsere Väter auf uns übertragen haben, versiegelt mit ihrem heiligen Blut? („Ja“ schrien Tausende.) Er sagte dann, „Es ist gut. Wenn ihr es nicht getan hättet, wäre ich nach dort draußen gegangen (nach Westen zeigend) und hätte mir ein mächtigeres Volk hervorgerufen. ... (Sein Schwert ziehend und es himmelwärts richtend, sagte er) Ich rufe Gott und seine Engel an zu bezeugen, dass ich mein Schwert mit einer festen und unveränderbaren Entschlossenheit aus den Scheide gezogen habe, dass dieses Volk seine gesetzlichen Rechte haben soll, und von der Gewalt des Pöbels geschützt sein soll, oder mein Blut soll auf dem Boden wie Wasser vergossen werden, und mein Körper in ein stilles Grab gelegt werden.“ (HC 6:497ff.)

Generalleutnant Smith zieht sein Schwert während seiner Rede zur Nauvoo LegionTatsächlich würde der Körper von Smith keine zwei Wochen später in einem Grab liegen. Ohne zögern versprach Smith denjenigen seiner Zuhörer einen himmlischen Lohn, nachdem:

„ ... die Donner des Allmächtigen und die ... Blitze des Himmels, Pestilenz und Krieg, Blutvergießen auf jene ungöttlichen Menschen herab käme, die danach trachten mein Leben und das Leben dieser unschuldigen Menschen zu zerstören.“

Der Lohn sollte ein „ewiger Lohn“ sein:

„Trachtet nicht danach euer Leben zu retten, denn der, der Angst davor hat für die Wahrheit zu sterben, wird ewiges Leben verlieren. Haltet aus bis zum Ende, und wir werden wiederauferstehen und wie Götter werden, und in celestialen Reichen, Fürstentümern und ewigen Herrschaftsgebieten herrschen ...“ (ebd., S. 499f.).

Es überrascht nicht zu hören, dass Smith bereits 1842 über Aufmärsche der Legion sagte:

„seine Seele nie mehr befriedigt war, wie bei dieser Gelegenheit“ (anlässlich einer Truppenparade vom 25.1.1842, siehe HC 5:3).

Generalleutnant Joseph Smith. Das wohl authentischste Bild von Maudsley, erstellt zu Lebzeiten von SmithDie Legion und die letzten Stunden von Joseph Smith

Die Legion wurde mittels der Nauvoocharta am 4.2. 1841 aufgestellt, Smith wurde zum Generalleutnant am 10.3.1841 gewählt und von Gouverneur als solcher bestellt. 1846 wurde der Stadt Nauvoo und der Legion die Chartarechte wieder entzogen. Dies nachdem Joseph Smith am 18.6.1844 (kurz nach dem obigen Besuch von Josiah Quincy) in Nauvoo das Kriegsrecht ausgerufen hatte. Smith erhoffte sich in den letzten Stunden seines Daseins im Carthage Gefängnis, noch Rettung mittels der Nauvoo Legion. Ganz im Gegensatz zu den lieb gewonnenen Darstellungen, wie Smith seinen Tod entgegensah:

„Als Joseph sich nach Carthage begab, um sich den angeblichen Forderungen des Gesetzes zu stellen, da sagte er, ein paar Tage vor seiner Ermordung: "Ich gehe wie ein Lamm zur Schlachtbank, aber ich bin so ruhig wie ein Sommermorgen; mein Gewissen ist frei von Schuld gegenüber Gott und allen Menschen. Ich werde unschuldig sterben, und man wird von mir noch sagen: Er wurde kaltblütig ermordet.“ (LuB 135:4, auch HC 6:555) 

So berichtet der Zeitgenosse von Smith, Allen Stout, dass der stellvertretende Kommandeur der Nauvoo Legion, Generalmajor Jonathan Dunham, von Smith den Befehl hatte, ihn zu befreien. Schrieb Stout (dieser war Leutnant unter Dunham):

„Und während sie (Hyrum & Joseph Smith) im Gefängnis waren, schrieb Bruder Joseph einen offiziellen Befehl an Jonathan Dunham um die Legion zu bringen, und ihn davor zu retten, getötet zu werden. Dunham ließ jedoch keinen Menschen oder Sterblichen wissen, dass er solche Befehle erhalten hatte und wir blieben unter Waffen in der Stadt ...“ (Allen Joseph Stout, Autobiography and Diary, Typescript, BYU Special Collections, S. 21: in Dean C. Jessee, Hrsg, The Personal Writings of Joseph Smith, Salt Lake City, 1988, S. 699). 

Thomas B. Stenhouse berichtet in seinem „The Rocky Mountain Saints“ (New York, 1873, S. 164), dass Dunham den Befehl von Smith in seine Tasche packte und den Befehl verweigerte.  Da zuerst niemand Kenntnis vom Befehl hatte, fühlte sich Dunham sicher. Durch ungeklärte Umstände verlor jedoch Dunham das Schriftstück in den Straßen von Nauvoo, wo es sodann gefunden wurde.

Eigentlich ist Dunham der unbesungene Held von Nauvoo, denn eine Ausführung des Befehls von Smith hätte mit Sicherheit zu einem Bludbad in Nauvoo und Carthage, womöglich einem Bürgerkrieg, geführt. Es hätte unweigerlich eine Auseinandersetzung mit den Milizeinheiten in Carthage gegeben und den weitaus größeren Milizeeinheiten des Bundestaates Illinois. Nur beurteilten Mitmormonen sein Verhalten anders. Dunham wurde als „Feigling und Verräter“, oder als „Narr und Idiot“ bezeichnet (siehe z.B. D. Michael Quinn, The Mormon Hierarchy: Origins of Power, Salt Lake City, 1993, S.179). Im Juli 1845 kam Dunham durch ungeklärte Umstände zu Tode (ob durch Mord, Selbstmord oder Krankheit konnte nie eindeutig festgestellt werden).

So macht es Sinn, wenn man liest, dass beim Angriff von mehr als 250 Bewaffneten auf das Carthage Gefängnis, Joseph zuerst die Ruhe bewahrte, den aufgeregten Gefängniswärter, George Stignall, sogar mit den Worten beruhigen wollte: „Kümmern sie sich nicht darum, sie sind gekommen um mich zu retten.“ (Brief von Thomas Holman Jr. an George C. Weston, 30. Juli 1844, Special Collections, Newberry Library, Chicago, Illinois, in: Quinn, ebd., S. 141, Herv. v. m.). Smith hatte sich geirrt und wurde nur Minuten nach seiner versuchten Flucht aus dem Fenster, am Brunnen vor dem Gefängnis angelehnt, regelrecht exekutiert (per Bajonett und Erschießung). Erst nach dem verzweifelten Versuch von Smith mittels des scheinbar kuriosen Ausrufes: „O Herr, mein Gott, gibt es keine Hilfe für den Sohn einer Witwe?“ Dies entspricht den Worten des freimaurerischen Notsignals, wodurch Smith offensichtlich versuchte, evtl. anwesende Freimaurer dazu zu bewegen, ihn zu retten. Es sei daran erinnert, dass praktisch jeder Mormone in Nauvoo und naher Umgebung mittlerweile Freimaurer geworden war. So sagte  z.B. die polygame Ehefrau von Joseph Smith, Zina D. Huntington, aus:

„Ich bin die Witwe eines Freimaurermeisters, der als er aus dem Fenster des Carthage Gefängnisses sprang, von Kugeln durchsiebt, das Freimaurernotsignal  ausführte ...“ (in: Andrew Jenson, Latter-day Saint Biographical Encyclopedia, Bd. 1, Salt Lake City, 1901, S. 698, auch Mervin B. Hogan, Freemasonry and the Lynching at Carthage Jail, Salt Lake City, S. 10f.). 

Selbst die Kirchenzeitung „Times & Seasons“ vom 15. Juli 1844 schrieb (5:585):

Sie waren beide Freimaurer im guten Stand. Ihr Brüder der mystischen Verbindung, was denkt ihr? Wo sind unsere guten Meister Joseph und Hyrum? Gab es nicht einen ... der bewegt wurde ... Josephs letzter Ausruf war: O Herr, mein Gott ... mit gehobenen Händen gaben sie das Zeichen der Not ...“ (engl. sign of distress). 

Ratgeber in der sog. Ersten Präsidentschaft unter Brigham Young, Heber C. Kimball war der Meinung:

„Ja, Freimaurer, so wird gesagt, waren sogar im Mob der Joseph und Hyrum im Carthage Gefängnis ermordete. Joseph gab das freimaurerische Notsignal als er zum todbringenden Fenster sprang.“ (Orson Whitney, Life of Heber C. Kimball, Salt Lake City, 1888, S. 26). 

Der späte John D. Lee beschrieb die letzten Worte von Smith: Joseph verließ die Tür, sprang zum Fenster und rief aus: ‘O Herr, mein Gott, gibt es keine Hilfe für den Sohn einer Witwe.’ (John D. Lee, Mormonism Unveiled, or, The Life and Confessions of the Late Mormon Bishop, John D. Lee, St. Louis, 1877, S. 153). 

Mormone Cecil McGavin beschreibt in seinem  „Mormonism & Masonry“ (Salt Lake City, 1956, S. 17), betreffs der letzten Worte von Joseph Smith:

„Die waren nicht der Anfang eines Gebetes, weil Joseph Smith nicht in dieser Manier betete ... der wusste, dass der Tod nah war, fing an das Notsignal der Freimaurer zu wiederholen, dadurch wohl den Schutz erwartend, den seine Mitglieder verpflichtet sind, ihrem Bruder in der Not zu gewähren.“

William Morgan (in: „Illustrations of Masonry“, Batavia, 1826, S. 76) beschreibt die Ausführung des freimaurerischen Notsignals:

„Das Zeichen wird gegeben, indem man beide Hände und Arme bis zum Ellbogen rechtwinklig hebt, einen auf jeder Seite des Kopfes, die Ellbogen bilden einen rechten Winkel. Die Worte die das Zeichen im Falle der Not begleiten sind: ‚O Herr, mein Gott, gibt es keine Hilfe für den Sohn einer Witwe.“

Das von Morgan beschriebene Notsignal kann hier eingesehen werden (entsprechen der 2. Auflage von 1827, S. 76):

http://www.utlm.org/onlinebooks/captmorgansfreemasonry4.htm#76 

Es wundert daher nicht, wenn die offizielle Kirchengeschichtsschreibung dies alles unerwähnt lässt, und Joseph Smith den Märtyrertod sterben lässt mit den Worten auf den Lippen „O Herr, mein Gott!“ (LuB 135:1) 

So wundert das „Rätsel“ um Joseph Smith auch nicht mehr, es wundert nicht, das mittels verklärter Geschichtsschreibung Nachfolger von Smith Sätze von sich geben können wie: 

„Der Tag wird kommen meine Damen und Herren, ob sie zur Kirche gehören oder nicht, wo sie zu (Joseph Smith) aufsehen werden, wie zu einem Gott.“ (Heber C. Kimball, Journal of Discourses, 5:88) 

Die mormonische Gruppendynamik erklärt sich, wenn man die Worte von Psychologen Manfred F.R. Kets de Vries („Crisis Leadership and the Paranoid Potential,“ Bulletin of the Menninger Clinic, Juli 1977, S. 358) liest, dass: 

„ständige positive Erwiderungen der direkten Untergebenen eines Führers, bei sogar seinen unberechenbaren Handlungen desjenigen, verantwortlich sein kann für einen allmählichen Zerfall der Wahrnehmungsfähigkeit der Realität.“ 

Diese Verherrlichung und Selbstüberschätzung kann bereits in der Familie ihre Wurzeln oder Nahrung haben. So berichtet z.B. Emma Smith gegenüber Gästen am 4. Januar 1844, ihr Ehemann sei „größer als Bonaparte. Er könne nie ohne seine Freunde essen.“ Und laut Joseph war dies die „weiseste Aussage die er je von Emma gehört“ hat (HC 6:166).

Die Ironie liegt darin, dass dem Führer, dem es gelingt seine Bewegung, Gemeinschaft etc. zu einer Erfüllung ihrer Phantasien zu bringen, oft genug auf dem besten Wege seiner eigenen Selbstzerstörung ist (siehe hierzu auch „The Entrepreneurial Personality: A Person at the Crossroads,“ Journal of Management Studies, 1977, S. 34). 

Joseph Smith sollte dieses Schicksal ereilen.

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