
Besuch in Nauvoo
Geschichtsberichte, Lehrmaterialien oder Magazine der Kirche
stellen den "Präsidenten, Propheten, Seher und Offenbarer",
Joseph Smith, in stets stereotyper Art und Weise dar. Eine
musterhafte bildliche Darstellung ist links zu erkennen.
Interessant ist die Vorgehensweise von Beschreibungen über
Joseph Smith. So findet sich im offiziellen Lehrmaterial des
Bildungswesens der Kirche für Studenten und erwachsene
Teilnehmer des sog. "Instituts" folgende Beschreibung:
"Josiah Quincy, ein prominenter Bürger aus
Neu-England, der später Bürgermeister von Boston wurde,
besuchte Joseph Smith zwei Monate vor dessen Tod. Viele Jahre
später schrieb er über die Menschen die ihn am meisten
beeindruckt hatten. Über Joseph Smith schrieb er: "Es ist
keineswegs unwahrscheinlich, daß sich in einem Lehrbuch für
noch ungeborene Generationen eine Frage finden wird wie:
'Welcher Amerikaner des neunzehnten Jahrhunderts hat den
stärksten Einfluß auf das Schicksal seiner Landsleute gehabt?'
Und es ist keineswegs unmöglich, daß die Antwort auf diese
Frage heißt: 'Joseph Smith, der Mormonenprophet." (Josiah
Quincy, Figures of the Past from the Leaves of Old Journals,
Boston, 1883, S. 376, in: Religion 341-343, Die Geschichte der
Kirche in der Fülle der Zeiten. Die Geschichte der Kirche Jesu
Christi der Heiligen der Letzten Tage, Rev. Ausgabe 1993, o. O.,
S. 284)
Dasselbe Zitat findet sich im offiziellen Werk "Die
Wahrheit Wiederhergestellt. Ein kurzer Abriß der Geschichte
der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage."
(Frankfurt am Main, rev. Aufl. 1979) Geschrieben vom
Präsidenten der Kirche Gordon B. Hinckley mit dem Zusatz:
"Derart waren die Eindrücke, die die Besucher Nauvoos
gewannen, wenn sie den bedeutendsten Bürger der Stadt
kennenlernten." (ebd., S. 71)
Was beide Werke verschweigen sind andere Eindrücke und
Beobachtungen von Josiah Quincy, so schreibt dieser im
gleichen Werk:"Fanatiker, Hochstapler,
Scharlatan könnte er gewesen sein, aber diese harten Namen
stellen keine Lösung für das Problem dar, welches er uns
liefert. ... aber der wunderbare Einfluß, den dieser Gründer
einer Religion ausübte und noch immer ausübt, legt ihn uns
nicht ... dar als Gauner der angeklagt werden muss, sondern als
ein Phänomen, welches erklärt werden sollte." (Quincy, ebd., S. 377)
Quincy berichtet weiter, dass seine Ankunft in Nauvoo
offensichtlich "General Smith" zugetragen worden sei,
und "die Kutsche des Propheten" ihn
erwartete. Quincy hatte eine Reisebegleitung in Person von
Charles Francis Adams. Beide wurden hofiert. Diese Hofierung
führte Quincy auf "einen merkwürdigen Fehler" zurück.
Die Mormonen verwechselten nach seiner Meinung ihn und seinem
Begleiter Adams. Offensichtlich hatte man ihn mit dem
ehemaligen Präsidenten der USA, John Quincy Adams,
verwechselt. Smith begrüßte ihn in "gestreifter Hose, einer
Leinenjacke, die die Waschwanne in letzter Zeit nicht gesehen
hatte, und einen Dreitagesbart." (ebd., S. 380f.) Smith
sollte nun bemerkenswerte Dinge von sich geben, so erklärte er
den beiden Besuchern, dass er durch seinen:
"Freund Gouverneur Ford, eine Charta erhalten hatte. Die
Vergangenheit hatte ihm gezeigt, dass eine militärische
Organisation notwendig war. Er war nun der Führer von
dreitausend Männern, ausgerüstet vom Staate Illinois und
ihrer Miliz zugehörig, und die Heiligen wären ebenso bereit zu
kämpfen, als auch zu arbeiten. "Ich entschied," sagte Smith,
"dass der Kommandeur meiner Truppen ein Generalleutnant sein
müsse, und ich wurde natürlich zu dieser Position ausgewählt.
Ich sandte mein Zertifikat der Wahl an Gouverneur Ford und
erhielt dafür das Patent des Generalleutnants der Nauvoo
Legion und der Miliz des Staates Illinois. Wenn ich nun
die Verfassung der Vereinigten Staaten überprüfe, dann
stelle ich fest, dass ein Offizier nur von einem Kriegsgericht
angeklagt werden kann, welches aus Gleichrangigen
zusammengesetzt sein muss; und, da ich der einzige
Generalleutnant im Lande bin, denke ich, dass sie es
ziemlich schwer haben werden, mich anzuklagen." (ebd., S.
384, Herv. v. m.)
Anschließend
versuchte Smith dann Quincy mit seiner Beherrschung „aller
Sprachen“ zu beeindrucken. Quincy fand es nicht
verwunderlich, dass Smith dies nicht mittels der
„klassischen Sprache“ (Latein, Griechisch) tat, sondern
der hebräischen Sprache. Keiner der mitanwesenden Mormonen
verstand Hebräisch, akzeptierten jedoch die „triumphierende
Demonstration seiner Fähigkeiten.“ Das Gebot der
Gastfreundschaft verbot es Quincy seinen Gastgeber auf die Probe zu stellen.
(ebd., S. 385)
Quincy durfte noch erleben wie Smith ihm
„Pergamente“ zeigte (Papyrusrollen), die laut Smith die
„Handschrift von Abraham, dem Vater des Gläubigen“
zeigte, weiter das „Autogramm des Moses, und ... Zeilen ...
von seinem Bruder Aaron. Die anwesenden Mormonen versicherten
Quincy, Smith wäre „der einzige Sterbliche, der diese
mysteriösen Schriften übersetzen konnte, und dass seine
Kraft von direkter Inspiration gegeben wurde.“ (386f.) Im
Lichte der Fakten zeigt sich die völlige Ignoranz der
mormonischen Zuhörer von Smith, die dieser offensichtlich
nicht korrigiert. Es handelte sich um ägyptische Hieroglyphen,
die bereits seit 1822 von anderen „Sterblichen“ übersetzt
werden konnten, und seit dem Jahre 1824 wurden Übersetzungen
auch veröffentlicht, so z.B. Jean Francois Champollion in
seinem „Precis du systeme hieroglyphique des anciens Egyptiens“
(Paris, 1824). In Großbritannien war Thomas Young gleichzeitig
mit Übersetzungen und Veröffentlichungen der Hieroglyphen
beschäftigt. Bis zum Jahre 1844 konnte jeder willige Leser
Grammatiken und Lexika zu den Hieroglyphen einsehen, so z.B. „Grammaire
égyptienne“, 3 Bd., Paris, 1836-1841, oder „Dictionnaire
égyptien en écriture hieroglyphique“, 4 Bd. , Paris,
1841-1844. Young publizierte die ersten rudimentären
Übersetzungsergebnisse bereits 1819 und 1824 in der
„Encyclopedia Britannica,“ und in 1830 wurde der erste Band
von Youngs „A Compendious Grammar of the Egyptian Language
as
Contained in the Coptic and Sahidic Dialects; zusammen mit Henry Tattam,
in London, publiziert).
Quincy bemerkt nach solchen Erlebnissen
deutlich, dass die Anwesenden „beispiellosen Absurditäten
wir diesen Morgen zugehört hatten“ (ebd., S. 388).
Auffällig ist, dass Quincy einige Male beschreibt, wie
Mormonen im Gespräch mit Smith sind und diese ihn immer wieder
mit „General Smith“ begrüßen bzw. anreden, nicht
Bruder, Ältester, Präsident etc. Augenscheinlich ist es, dass
Smith dies selbst fördert, erlebt doch Quincy z.B. das
Gespräch zwischen einem Methodistischen Geistlichen und Smith
selbst. Der Methodist berichtete Smith, er hätte in einer Predigt
ihn als
„Joe Smith“ erwähnt. Smith fragte nach: „Sagten Sie
Joe Smith in einer Predigt?“ Als Antwort erhielt er ein:
„Natürlich tat ich es. Warum nicht ?" Die Erwiderung
von Smith folgt prompt: „Den Tag und den Ort
berücksichtigend, wäre es respektvoller gewesen,
Generalleutnant Joseph Smith gesagt zu haben.“ (ebd. S.
393)
So wird
verständlich wenn Robert Flanders in seinem „Nauvoo: Kingdom
on the Mississippi“, Urbana, 1965, S. 112f. schreibt:
„
‚Oberst’‚ ,Hauptmann’, oder ‚General’ ersetzten ‚Bruder’,
‚Ältester’, oder ‚Präsident’ in den Begrüßungen der Heiligen.
Militärisches Drumherum waren für sie besondere Symbole des
Status, Prestige und Beruhigung.“
Quincy fasst sein Urteil über Smith
zusammen, in dem Satz: „Wenn der Leser nicht weiß, was er von
Joseph Smith halten soll, so kann ich ihm nicht aus dieser
Schwierigkeit helfen. Ich bin vor dem Rätsel (engl. puzzle)
selbst hilflos." (ebd., S. 400). Wer übrigens das „Rätsel“
Joseph Smith weiter entflechten möchte, dem sei beispielhaft
drei Werke empfohlen:
-
Inside the Mind of Joseph Smith. Psychobiography and the
Book of Mormon, Robert D. Anderson, Salt Lake City, 1999
-
The
Sword of Laban. Joseph Smith, Jr. and the Dissociated Mind,
William D. Morain, Washington, 1998
-
Joseph
Smith and the Origins of the Book of Mormon, David
Persuitte, 2. Aufl., Jefferson, 2000
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Die
Nauvoo Legion
Wir erinnern uns, dass Smith Quincy berichtete, die Nauvoo
Legion würde 3.000 Mann umfassen. Manche Quellen reden von bis
zu 5.000 Mann, so schreibt "Kirchengeschichte. Auszüge aus
der Encyclopedia of Mormonism," (Hrsg. Daniel H. Ludlow, Bad
Reichenhall, 1997, S. 330), von "5.000 Mann"
zu ihrer "Glanzzeit." Die Legion umfasste z.B. laut Unterlagen zwei
„Kohorten,“ organisiert wie die alten römischen
Legionen. Alle 18- bis 45jährigen mussten ihre Dienst in der
Legion leisten. Wer nicht zu den Drills oder Paraden erschien,
konnte mit Geldstrafen belangt werden. Alleine die zweite
Kohorte wurde z.B. 1843 mit 1.751 Männern gezählt (siehe
z.B. Richard L. Saunders, "Officers and Arms: The 1843
General Return of the Nauvoo Legion’s Second Cohort," BYU
Studies, Nr. 35:2 (1995) eingeteilt in einen
Generalstab und fünf Regimentern: ein Infanterieregiment, drei
„Rifle“-Regimenter (bessere Bewaffnung mit Gewehren
statt Musketen) und einem Artillerieregiment (lt. Brigham H.
Roberts hatte die Legion bereits im Dezember 1842 mindestens
drei Kanonen, History of the Church (hiernach HC), 5:201).
Befehligt wurde eine Kohorte von einem „Brigadegeneral“
mit einem Stab von zehn Offizieren. Jedes Regiment wurde von
einem Oberst geführt, unterstützt von einem Oberstleutnant,
einem Hauptmann und Adjutanten, Quartiermeister etc. Jedes
Regiment hatte fünf Hauptmänner (Kompanieführer). Es ist
selbstverständlich das so höher ein Kirchenführer in der
Hierarchie der Kirche stand, desto höher war natürlich sein
militärischer Rang. Die erste Kohorte bestand aus der
Kavallerie der Legion.
Der Rang von Smith war bemerkenswert. Smith, der keinerlei
militärische Ausbildung noch Erfahrung hatte, trug den Rang
eines „Generalleutnants,“ einen Rang den es in der gesamten
USA nicht gab. Smith im
Range eines Generalleutnants war damit der ranghöchste
Offizier der USA (es sei an sein Gespräch und Begründung
seines Ranges gegenüber Nauvoobesucher Josiah Quincy, siehe
oben, erinnnert. Diesen Rang hatte bisher lediglich George
Washington getragen, der nächste sollte Ulysses Grant werden
(siehe z.B. Flanders, ebd., S. 110). Wie sensibel die
amerikanische Bevölkerung gegenüber diesem militärischen Rang,
und die daran historischen Werte und Erinnerungen, sein
sollte, zeigte sich als Thomas Hart Benton im mexikanischen
Krieg, den Rang eines Generalleutnants erhalten sollte. Es kam
es zu einem Sturm der Entrüstung in der amerikanischen
Bevölkerung, die Beförderung wurde ad acta gelegt (siehe
William N. Chambers, „Old Bullion Benton; Senator from the New
West,“ Boston, 1956, S. 311f.).
Fragt man weiterhin bei der historischen Abteilung der United
States Military Academy von West Point nach, so kann man
erfahren, dass:
„Auch wenn die Nauvoo Legion ihre Charta vom
Staate Illinois erhielt, so wurde sie nicht als Teil der Miliz
des Bundesstaates betrachtet ... Joseph Smith Jr. war kein
Generalleutnant in der Staatsmiliz, sondern einer kleinen
mormonischen Armee ...“ (West Point
Archivar Joseph O’Donnell in einem Brief an Ralph Foster,
29.8.1963, in: Joseph Smith and the Hazards of Charismatic
Leadership, Gary James Bergera, The John Whitmer Historical
Association Journal, Bd. 6, 1986, S. 35).
Geht
man, vorsichtig geschätzt, und der Aussage von Smith selbst
glaubend, davon aus, dass die
Legion 1844, um die 3.000 Mann unter Waffen hatte, so
vergleiche man dies mit der Zahl von 8.453 Soldaten der
Unionsarmee der USA!
So beschreibt Fawn Brodie den späten Joseph Smith recht
treffend, wenn sie bemerkt, dass Smith schließlich:
„den Titel ‚General’ dem des ‚Präsidenten’
vorzog und ihn auch vielfach in seiner Korrespondenz benutzte.
Seine Uniform war geschickt entworfen: ein blauer Rock mit
reichlich Goldtressen, lederfarbenen Hosen, hohen Militärstiefeln und einem
schicken Zweispitz mit Straußenfedern. Auf seiner Hüfte trug
er ein Schwert und zwei große Kavalleriepistolen. Freude am
Pomp und der Pracht der Paraden, ließ er die Legion zu jeder
möglichen Gelegenheit antreten, vorneweg reitend auf seinem
großartigen, schwarzen Hengst, Charlie.“
(No man knows my history, 2. erw. Ausg., New York, 1985, S.
271)
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So würde die Legion, inkl. ihre Blaskapelle, zu den
verschiedensten Gelegenheiten durch die Straßen von Nauvoo
paradieren, Beobachter konnten zuschauen, während die Legion
ihre Manöver und Drills ausführte. Aus Sicht der Mormonen
sollte die Legion u. a. zu ihrem Schutz dienen, die
Erinnerungen an die konfliktreiche Zeit in Missouri waren noch
frisch. Bewirkt haben sie jedoch das genaue Gegenteil: Angst
bei den umliegenden Bewohnern vor so viel waffenstarrender
Machtvorstellung, mit ein Grund, warum Joseph Smith
erschossen werden sollte. Die Mormonen selbst finden natürlich
die Todesursache darin, dass eine
"Verschwörung von Verrätern und schlechten Menschen"
(135:7) Joseph Smith im Gefängnis einsperrte und dieser
schließlich "von bewaffneten Gesindel" (135:3) im
Gefängnis von Carthage, Bundesstaat Illinois, erschossen
wurde.
In Wahrheit
lag die Todesursache in einer explosiven Mischung aus durch
die Mormonen an den Tag gelegten Militarismus,
politischer und finanzieller Kontrolle, einer
konspirativen „Weltregierung“ mit Smith als „König“
(Smith wurde in einem geheimen
„Rat der Fünfzig“ (der die politische
Weltregierung stellen sollte)
zum König gesalbt (nicht mit den Tempelwaschungen bzw.
Salbungen zu verwechseln), für freie und unabhängige
Amerikaner, die ihre Freiheit von der britischen Krone
erkämpft hatten, eine schlichte Zumutung und ein Affront. Für
genauere Informationen zum Rat der Fünfzig etc. siehe z.B. „Quest
for Empire: The Political Kingdom of God and the Council of
Fifty in Mormon History”, Klaus J. Hansen, East Lansing, 1967
und D. Michael Quinn, „The Council of Fifty and Its Members,” BYU Studies, Nr. 20:2 (1980), S. 163-97).
Auch der versuchte Griff
nach der Macht sollte nicht ohne Folgen bleiben, Smith kandidierte für das Amt des Präsidenten der USA,
fehlgeschlagene Prophezeiungen und eine chaotische
Nachfolgeregelung, vervollständigten das Bild. Schließlich brachten die Übertretung
des eigenen Kirchenrechtes, staatlicher Gesetze, das
Verleugnen der Polygamie inkl. der damit einhergehenden
Einführung der Tempelrituale, die Zerstörung des "Nauvoo
Expositor", einer unabhängigen Presse, das Fass endgültig
zum Überlaufen. Dass Smith anscheinend gänzlich den Sinn für
jegliche Realität verlor, zeigt sich z.B. in seinem Schreiben
an den Präsidenten der USA, John Tyler, wo er diesen (und den
Senat und das Repräsentantenhaus) im März 1844 ersuchte,
100.000 Mann (!) aufstellen zu können, um Siedlern in
Oregon, Texas und anderen Territorien der USA „Schutz zu
gewähren.“
(HC 6:281f.)
Eben dieses Szenario hatte ein
besuchender Artillerieoffizier der Unionsarmee bereits im Mai
1842 vorhergesehen, ohne Anspruch auf eine prophetische Gabe
zu erheben, sondern lediglich den gesunden Menschenverstand,
als er nach dem Besuch einer Truppenparade der Nauvoo Legion
schrieb:
„Was bedeutet dies alles? Warum diese exakte
Disziplin des mormonischen Corps? Wollen sie Missouri,
Illinois, Mexiko erobern? ... es gibt keine Truppen in den
Staaten, die ihnen in punkto Enthusiasmus und kriegerischen
Aspekt gleichtun, ja kriegsgleichem Charakter. In nicht
allzu langer Zeit wird diese Legion zwanzig, und vielleicht
fünfzigtausend Mann stark sein ... erfüllt mit religiösen
Eifer ...“ (New York Herald, vom 17. Juni 1842, in:
Brodie, ebd., S. 273f.)
Die Rhetorik der mormonischen Führer wirkte zusätzlich wie Öl
ins Feuer gießen. So konnten auch Nichtmormonen deutlich
das Säbelrasseln vernehmen, wenn sie z.B. von der Kirchenführern
Smith, und früher noch John C. Bennett (beide gleichzeitig die
Oberkommandierenden der Legion) lesen konnten:
„Das Blut der ermordeten Mormonen schreit
laut um Hilfe ... und die moralische Schlacht muss geschlagen
werden, und der Sieg errungen werden, der, der mit Feuer
antwortet, wird bewirken, dass das Schwert und Feuer ihr Werk
tun ... ich schwöre beim Gott Israels, dass das Schwert meinen
Oberschenkel nicht verlassen soll, noch Schild meinen Arm
verlassen ... bis der hydraköpfige, feurige Drachen erschlagen
ist.“ (John C. Bennett,
Times & Seasons, vom 15.03.1842, Bd. 3:724)
oder Joseph Smith in voller Montur am 18. Juni 1844 seine
letzte öffentliche Ansprache vor der angetretenen Nauvoo
Legion hielt. Die Truppe musste neunzig Minuten ausharren um
u. a. von Smith zu hören:
„Steht ihr alle bis in den Tod zu mir, und
unterstützt die Gesetze unseres Landes auch unter Gefahr eures
Lebens, die Freiheiten und Privilegien die unsere Väter auf
uns übertragen haben, versiegelt mit ihrem heiligen Blut?
(„Ja“ schrien Tausende.) Er sagte dann, „Es ist gut. Wenn ihr
es nicht getan hättet, wäre ich nach dort draußen gegangen
(nach Westen zeigend) und hätte mir ein mächtigeres Volk
hervorgerufen. ... (Sein Schwert ziehend und es himmelwärts
richtend, sagte er) Ich rufe Gott und seine Engel an zu
bezeugen, dass ich mein Schwert mit einer festen und
unveränderbaren Entschlossenheit aus den Scheide gezogen habe,
dass dieses Volk seine gesetzlichen Rechte haben soll, und von
der Gewalt des Pöbels geschützt sein soll, oder mein Blut soll
auf dem Boden wie Wasser vergossen werden, und mein Körper in
ein stilles Grab gelegt werden.“ (HC
6:497ff.)
Tatsächlich
würde der Körper von Smith keine zwei Wochen später in einem
Grab liegen. Ohne zögern versprach Smith denjenigen seiner
Zuhörer einen himmlischen Lohn, nachdem:
„ ... die Donner des Allmächtigen und die ...
Blitze des Himmels, Pestilenz und Krieg, Blutvergießen auf
jene ungöttlichen Menschen herab käme, die danach trachten
mein Leben und das Leben dieser unschuldigen Menschen zu
zerstören.“
Der Lohn sollte ein „ewiger Lohn“ sein:
„Trachtet nicht danach euer Leben zu retten,
denn der, der Angst davor hat für die Wahrheit zu sterben,
wird ewiges Leben verlieren. Haltet aus bis zum Ende, und wir
werden wiederauferstehen und wie Götter werden, und in
celestialen Reichen, Fürstentümern und ewigen
Herrschaftsgebieten herrschen ...“ (ebd., S. 499f.).
Es überrascht nicht zu hören, dass Smith bereits 1842 über
Aufmärsche der Legion sagte:
„seine Seele nie mehr befriedigt war, wie bei
dieser Gelegenheit“ (anlässlich einer Truppenparade vom
25.1.1842, siehe HC 5:3).
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Die
Legion und die letzten Stunden von Joseph Smith
Die Legion wurde mittels der Nauvoocharta
am 4.2. 1841 aufgestellt, Smith wurde zum Generalleutnant am
10.3.1841 gewählt und von Gouverneur als solcher bestellt.
1846 wurde der Stadt Nauvoo und der Legion die Chartarechte
wieder entzogen. Dies nachdem Joseph Smith am 18.6.1844 (kurz
nach dem obigen Besuch von Josiah Quincy) in Nauvoo das
Kriegsrecht ausgerufen hatte. Smith erhoffte sich in den
letzten Stunden seines Daseins im Carthage Gefängnis, noch
Rettung mittels der Nauvoo Legion. Ganz im Gegensatz zu den
lieb gewonnenen Darstellungen, wie Smith seinen Tod
entgegensah:
„Als Joseph sich nach Carthage begab, um sich
den angeblichen Forderungen des Gesetzes zu stellen, da sagte
er, ein paar Tage vor seiner Ermordung: "Ich gehe wie ein Lamm
zur Schlachtbank, aber ich bin so ruhig wie ein Sommermorgen;
mein Gewissen ist frei von Schuld gegenüber Gott und allen
Menschen. Ich werde unschuldig sterben, und man wird von mir
noch sagen: Er wurde kaltblütig ermordet.“
(LuB 135:4, auch HC 6:555)
So berichtet der Zeitgenosse von Smith,
Allen Stout, dass der stellvertretende Kommandeur der Nauvoo
Legion, Generalmajor Jonathan Dunham, von Smith den Befehl
hatte, ihn zu befreien. Schrieb Stout (dieser war Leutnant
unter Dunham):
„Und während sie (Hyrum & Joseph Smith) im
Gefängnis waren, schrieb Bruder Joseph einen offiziellen Befehl
an Jonathan Dunham um die Legion zu bringen, und
ihn davor zu retten, getötet zu werden. Dunham ließ
jedoch keinen Menschen oder Sterblichen wissen, dass er solche
Befehle erhalten hatte und wir blieben unter Waffen in der
Stadt ...“
(Allen Joseph Stout, Autobiography and
Diary, Typescript, BYU Special Collections, S. 21: in Dean C.
Jessee, Hrsg, The Personal Writings of Joseph Smith, Salt Lake
City, 1988, S. 699).
Thomas B. Stenhouse berichtet in
seinem „The Rocky Mountain Saints“ (New York, 1873, S. 164),
dass Dunham den Befehl von Smith in seine Tasche packte und
den Befehl verweigerte. Da zuerst niemand Kenntnis vom
Befehl hatte, fühlte sich Dunham sicher. Durch ungeklärte
Umstände verlor jedoch Dunham das Schriftstück in den Straßen
von Nauvoo, wo es sodann gefunden wurde.
Eigentlich ist Dunham der unbesungene
Held von Nauvoo, denn eine Ausführung des Befehls von
Smith hätte mit Sicherheit zu einem Bludbad in Nauvoo und
Carthage, womöglich einem Bürgerkrieg, geführt. Es hätte
unweigerlich eine Auseinandersetzung mit den Milizeinheiten in
Carthage gegeben und den weitaus größeren Milizeeinheiten des
Bundestaates Illinois. Nur beurteilten Mitmormonen sein
Verhalten anders. Dunham wurde als „Feigling und Verräter“,
oder als „Narr und Idiot“ bezeichnet (siehe z.B. D. Michael Quinn,
The Mormon Hierarchy: Origins of Power, Salt Lake City, 1993,
S.179). Im Juli 1845 kam Dunham durch ungeklärte Umstände zu
Tode (ob durch Mord, Selbstmord oder Krankheit konnte nie
eindeutig festgestellt werden).
So macht es Sinn, wenn man liest, dass
beim Angriff von mehr als 250 Bewaffneten auf das Carthage
Gefängnis, Joseph zuerst die Ruhe bewahrte, den aufgeregten
Gefängniswärter, George Stignall, sogar mit den Worten
beruhigen wollte: „Kümmern sie sich nicht darum, sie
sind gekommen um mich zu retten.“ (Brief von Thomas
Holman Jr. an George C. Weston, 30. Juli
1844, Special Collections, Newberry Library, Chicago,
Illinois, in: Quinn, ebd., S. 141, Herv. v. m.). Smith hatte sich
geirrt und wurde nur Minuten nach seiner versuchten Flucht aus
dem Fenster, am Brunnen vor dem Gefängnis angelehnt,
regelrecht exekutiert (per Bajonett und Erschießung). Erst
nach dem verzweifelten Versuch von Smith mittels des scheinbar
kuriosen Ausrufes: „O Herr, mein Gott, gibt es keine Hilfe für
den Sohn einer Witwe?“ Dies entspricht den Worten des
freimaurerischen Notsignals, wodurch Smith offensichtlich
versuchte, evtl. anwesende Freimaurer dazu zu bewegen, ihn zu
retten. Es sei daran erinnert, dass praktisch jeder Mormone in
Nauvoo und naher Umgebung mittlerweile Freimaurer geworden
war. So sagte z.B. die polygame Ehefrau von Joseph
Smith, Zina D. Huntington, aus:
„Ich bin die Witwe eines Freimaurermeisters,
der als er aus dem Fenster des Carthage Gefängnisses sprang,
von Kugeln durchsiebt, das Freimaurernotsignal
ausführte ...“ (in: Andrew Jenson,
Latter-day Saint Biographical Encyclopedia, Bd. 1, Salt Lake
City, 1901, S. 698, auch Mervin B. Hogan, Freemasonry and the
Lynching at Carthage Jail, Salt Lake City, S. 10f.).
Selbst die Kirchenzeitung „Times &
Seasons“ vom 15. Juli 1844 schrieb (5:585):
„Sie waren beide Freimaurer im guten
Stand. Ihr Brüder der mystischen Verbindung, was denkt ihr? Wo
sind unsere guten Meister Joseph und Hyrum? Gab es nicht einen
... der bewegt wurde ... Josephs letzter Ausruf war: O
Herr, mein Gott ... mit gehobenen Händen gaben sie das Zeichen
der Not ...“ (engl. sign of distress).
Ratgeber in der sog. Ersten
Präsidentschaft unter Brigham Young, Heber C. Kimball
war der Meinung:
„Ja, Freimaurer, so wird gesagt, waren sogar
im Mob der Joseph und Hyrum im Carthage Gefängnis ermordete.
Joseph gab das freimaurerische Notsignal als er zum
todbringenden Fenster sprang.“ (Orson Whitney,
Life of Heber C. Kimball, Salt Lake City, 1888, S. 26).
Der späte
John D. Lee beschrieb die letzten Worte von Smith: „Joseph
verließ die Tür, sprang zum Fenster und rief aus: ‘O
Herr, mein Gott, gibt es keine Hilfe für den Sohn einer
Witwe.’
“ (John D. Lee, Mormonism Unveiled, or, The Life and
Confessions of the Late Mormon Bishop, John D. Lee, St. Louis,
1877, S. 153).
Mormone
Cecil McGavin beschreibt in seinem „Mormonism &
Masonry“ (Salt Lake City, 1956, S. 17), betreffs der letzten
Worte von Joseph Smith:
„Die waren nicht der Anfang eines Gebetes,
weil Joseph Smith nicht in dieser Manier betete ... der
wusste, dass der Tod nah war, fing an das Notsignal der
Freimaurer zu wiederholen, dadurch wohl den Schutz
erwartend, den seine Mitglieder verpflichtet sind, ihrem
Bruder in der Not zu gewähren.“
William Morgan (in: „Illustrations
of Masonry“, Batavia, 1826, S. 76) beschreibt die
Ausführung des freimaurerischen Notsignals:
„Das Zeichen wird gegeben, indem man
beide Hände und Arme bis zum Ellbogen rechtwinklig
hebt, einen auf jeder Seite des Kopfes, die Ellbogen bilden
einen rechten Winkel. Die Worte die das Zeichen im Falle der
Not begleiten sind: ‚O Herr, mein Gott, gibt es keine Hilfe
für den Sohn einer Witwe.“
Das von Morgan beschriebene Notsignal
kann hier eingesehen werden (entsprechen der 2. Auflage von
1827, S. 76):
http://www.utlm.org/onlinebooks/captmorgansfreemasonry4.htm#76
Es
wundert daher nicht, wenn die offizielle
Kirchengeschichtsschreibung dies alles unerwähnt lässt, und
Joseph Smith den Märtyrertod sterben lässt mit den Worten auf
den Lippen „O Herr, mein Gott!“ (LuB 135:1)
So
wundert das „Rätsel“ um Joseph Smith auch nicht mehr, es
wundert nicht, das mittels verklärter Geschichtsschreibung
Nachfolger von Smith Sätze von sich geben können wie:
„Der Tag wird kommen meine Damen und Herren,
ob sie zur Kirche gehören oder nicht, wo sie zu (Joseph Smith)
aufsehen werden, wie zu einem Gott.“
(Heber C.
Kimball, Journal of Discourses, 5:88)
Die mormonische
Gruppendynamik erklärt sich, wenn man die Worte von
Psychologen Manfred F.R. Kets de Vries („Crisis Leadership and
the Paranoid Potential,“ Bulletin of the Menninger Clinic,
Juli 1977, S. 358) liest, dass:
„ständige positive Erwiderungen der direkten
Untergebenen eines Führers, bei sogar seinen unberechenbaren
Handlungen desjenigen, verantwortlich sein kann für einen
allmählichen Zerfall der Wahrnehmungsfähigkeit der Realität.“
Diese
Verherrlichung und Selbstüberschätzung kann bereits in der
Familie ihre Wurzeln oder Nahrung haben. So berichtet z.B.
Emma Smith gegenüber Gästen am 4. Januar 1844,
ihr Ehemann sei „größer als Bonaparte. Er könne nie
ohne seine Freunde essen.“ Und laut Joseph war dies die
„weiseste Aussage die er je von Emma gehört“ hat (HC 6:166).
Die
Ironie liegt darin, dass dem Führer, dem es gelingt seine
Bewegung, Gemeinschaft etc. zu einer Erfüllung ihrer
Phantasien zu bringen, oft genug auf dem besten Wege seiner
eigenen Selbstzerstörung ist (siehe hierzu auch „The
Entrepreneurial Personality: A Person at the Crossroads,“
Journal of Management Studies, 1977, S. 34).
Joseph
Smith sollte dieses Schicksal ereilen.
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